Literatur / Literature

Zweiter Klasse reisen

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Nun bin ich ergraut, in Ehren, darf ich wohl sagen, und nun befiehlt mir meine Gefährtin, Zweiter Klasse zu fahren. Ebensogut hätte sie sagen können: Bei deinem Alter, mein Lieber, lohnt alles nicht mehr so recht, iß Kartoffeln, keine Langusten, du brauchst keinen neuen Anzug mehr, und wozu willst du noch in Urlaub fahren? Wie von selbst denke ich da an

Jutta, meine kurze Freundin - kurz, was die Zeit unserer plötzlichen Faszination betraf, unserer Erotik, wie sie es nannte, die Zeit der unerwarteten Räusche. Ein roter Gott habe uns das geschickt, schrieb sie aus Halle, und ich wußte, das ist wahr, und ich glaube es noch heute,

Jutta nämlich, die Zweiter Klasse fuhr. Warum das als Professorin? Von einer Hochschule aus dem Busch zwar, Erfurt oder Greifswald, schön, nun also fuhr ich in dem heißen Winter und Frühling unserer Liebe mit ihr auch auf Holz oder Plastik. Aber das war mir egal, ich sah nur sie, nur immer

Jutta, mit ihrem Genie für Sprache und der Energie für die Karriere. Man sah es ihren drahtigen Haaren an, daß sie nicht aus dem Hochadel stammte, eine aufregende Figur hatte sie, keine spektakuläre, aber das alles war mir auch fast egal, weil ich verliebt war, und meine eigene, schon gänzlich abgetakelte Gestalt schien sie nicht zu stören - da fliegen mich Unsicherheiten an. Aber sie lösen sich auf, wenn die Geliebte zum zehnten Mal dies oder das so gut findet und wenn alles Anfassen neu ist, als ob man es noch nie getan hätte, und wie beseligend, als einmal Laute, die ich noch nie gehört hatte, aus ihrer Kehle kamen und sie dann leise „Du Schuft!“ sagte, mit glänzenden großen Augen und einem plötzlichen Kindergesicht, fünfzehn Jahre jünger,

oder an einem Märzabend, im Steigenberger Hotel in Düsseldorf, als ich eine viel zu teure halbe Flasche Wein aus der Minibar nahm, da lachte sie mich an, halb aufgerichtet schräg am Fußende des Bettes - so sehe ich sie noch und so reißt mich dieses Bild in unsere hohe Zeit zurück, und das immer in ganz ungeeigneten Augenblicken, wenn mein Bankier mich ermahnt oder gleich beim Introitus in der Heiligen Messe: „Zum Altare Gottes will ich treten, zum Gotte meiner Jugendfreude“ - jaja, so war es, läge sie doch noch heute da und stünde ich noch vor ihr! Doch mein Freund Hubertus sagt, die kurzen Abenteuer seien die besten,

Jutta also, meine Germanistin, entdeckte in irgendeinem Großraumwagen überraschend noch etwas Neues an mir: „Du bist ja ein Snob!“ Ich küßte ihren Hals, hinten an der Seite, und schwor, daß ich mein Leben lang zweiter, zwölfter oder zwanzigster Klasse fahren wollte, wenn sie nur immer - „ja du,“ sagte sie, „hauch, wir sind gleich da!“

Aber Jutta ist schon seit zwei Jahren weg, und meine Langzeitpartnerin ist immer noch da, und nun soll ein anderes Dasein beginnen, ein zweitklassiges eben. Ach, ich verreise so gern - nein, einst war es, da reiste ich gern. Heute dagegen, wenn ich allein bei dem Gedanken an das bevorstehende Ungemach in die tiefste Depression versinke, um mich dann willenlos in der Mentalität eines Mallorca-Überwinterers wiederzufinden, ist mir jegliches Vergnügen verleidet. Drei Tage vorher beklagt man sich über meine schlechte Laune, widerwillig fahre ich zum Bahnhof, in der Straßenbahn natürlich statt in der Taxe. Ich könnte eigentlich zu Fuß gehen, das würde auch nichts mehr ausmachen, mit Rucksack und Fußballerfrisur und meinen Quelle-Hemden in der Alditüte. Auf dem Bahnsteig, wo ich mich ein Leben lang mit Zufriedenheit und Würde in die richtigen Halteabschnitte zu verfügen pflegte, mache ich mich nun klein und schäme mich. Zum Glück sehe ich keine Bekannten. Wieso auch, die stehen hier nicht, hier häuft sich wie von selbst das Volk. Rottet es sich schon zusammen, einen Besserverdienenden zu lynchen? Ich habe nicht viel Geld! Muß ich, um mich zu retten, schäbig meinen Stand verleugnen wie Petrus seinen Herrn? Das Warten ist qualvoll. Kein Wunder, daß der Zug Verspätung hat, in dieser stumpfen Schicht ist das Empfinden für Zeitabläufe nie entwickelt, nur immer eingepeitscht gewesen, was heute leider nicht mehr geschieht. Und was muß man alles mit ansehen! Zwei schreiende Nichtsnutze vergewaltigen die Grammatik, Zusammenhangloses rufen sie sich zu, obwohl sie dicht voreinanderstehen, einer hat zusätzlich die Angewohnheit, sich nach jeder seiner törichten Äußerungen umzudrehen, zwei Schritte wegzugehen, um gestikulierend zurückzutapsen und: „Nun kommen Sie!“ zu brüllen. Eine Frau mit verwüstetem Kopf raucht auf dem Peron neben mir. In welche Gesellschaft gerät man! Wie verworfen hält sie die Zigarette! Als ich noch rauchte, wie gut sah das aus!

Noch habe ich auch den emotionalen Spießrutenlauf kürzlich in Basel nicht verdrängt: Ein IC mit dem abstrusen Namen „Monteverdi“ steht lange vor der Abfahrt bereit, sicher ist sicher in der Schweiz, und weil ich früher fahren werde als gedacht, habe ich keinen reservierten Platz, kann aber in Ruhe meine Wahl treffen. So denke ich, doch der erste Wagen der Minusklasse, in den ich gerate, ist restlos mit Platzkarten vorbestellt. Sowas wissen die also auch schon, mir wird es unheimlich. Im nächsten Wagen ist es viel zu heiß, und die Rückseiten der Sitze sind beleidigend mit gelbem Kunststoffstoff bespannt. Niemand kann verlangen, daß man sich hier aufhält. Nun kommt sicher ein Viehwagen, fürchte ich, doch der nächste ist voller winziger Abteile, alle mit entsprechend kümmerlichen Platzverhältnissen und ärmlicher Ausstattung. Das verstehe ich nicht unter einem Coupé, und das bedeutet, daß einem das ordinäre Gegenüber ins Gesicht pusten wird. Da bleiben Aids und Malaria nicht aus. Der vierte Waggon nun schon, den ich ermüdet prüfe, scheint auf den ersten Blick leer zu sein, dann allerdings macht sich eine kleine dunkelbraune Frau bemerkbar, von Beruf Mutter mit vier oder sechs Abkömmlingen, zuverlässig läßt sich die Kinderzahl nicht feststellen, des purzelnden Gewusels wegen, das ihre Reise- und Lebensform zu sein scheint; die Mutter macht den Eindruck, daß sie es auch nicht genau weiß. Zwei Babys aus dem Wurf schreien schon in schrillen Dissonanzen, obwohl der Zug noch gar nicht abgefahren ist, und sie wollen sich auf der langen Reise doch bestimmt noch steigern. Ein stämmiges Exemplar, drei oder zwölf Jahre alt, macht entschlossen Miene, auf mich zuzukommen. Erschrocken weiche ich, diese Gefahr im Auge, immer weiter rückwärts aus, meine feine Tasche schlägt dabei gegen alle schwefelgelben Plastiklehnen. Aber bald irritieren mich billige Kekskrümel auf dem Boden mehr als alles andere, sie sind einzeln durch die Ledersohlen zu spüren - warum muß ich auch das auf mich nehmen? Ein Bursche räkelt sich so, daß sein überlanges, zur Amputation fälliges Bein den Gang versperrt. Im fünften Wagen riecht es nach Exkrementen. Das überrascht mich nicht. Der sechste endlich mag dahingehen oder -fahren, es ist wie im fünften mit geringfügig weniger Geruch und Geschrei. Ich bin erschöpft, beleidigt und nehme teilnahmslos Platz.

„Da gibt es sogar für dich keine Probleme, alles ist wie in der Ersten, mein Lieber,“ belehrt mich meine ewige Lebensabschnittsbegleiterin vor der nächsten Reise. weiß aber noch nicht, daß dies mein letzter Gang in solchen Umständen sein wird - statt fortwährender Erniedrigungen bleibt mir nur noch die Wahl zwischen Opfertod oder Aufgabe jeglicher Fahrt. Was immer ich wählen werde, sie meint nur die ICE-Züge und ist natürlich gar nicht über die Billigklasse informiert: In diesen von ihr aufs Geratewohl verherrlichten Waggons gibt es zum Beispiel, zunächst zu meiner Verwunderung, zwei Toiletten nebeneinander - aber ja doch, leuchtete es mir gleich ein, der Schöpfer hat den Leuten, die hier fahren, an einfacher Ausstattung auch eine kleinere Blase als unsereinem gegeben. Schon recht, deshalb treten sie nun ständig von einem Bein auf das andere und wollen austreten oder, wie sie sagen, aufs Klo gehen. Zumal sie ja auch mehr trinken, als ihnen guttut. Gerechterweise sind die WCs aber viel schmaler als bei uns, ich würde mich dort eingeengt fühlen.

Wenn neuerdings der Zug kommt, verhülle ich mein Haupt, bis die Erste Klasse elegant vorbeigezogen ist, mit ganz anderen Fahrgeräuschen übrigens als hinten im volksbedingten Zugteil. Bin ich der einzige Fahrgast, der beim Einsteigen nicht drängelt? Um nur ein weiteres, grauenhaftes Abenteuer zu schildern: Ich habe reserviert, auf meinem Platz sitzt aber jemand, und sogar ein sehr erfreuliches Mädchen. Das steht nun auf, für mein Selbstbewußtsein aber viel zu schnell, um den alten Herrn sitzen zu lassen. So guckt sie jedenfalls. Sollte ich nächste Woche begraben werden, ist es mir recht, so hat alles keinen Sinn mehr. Dieser Wagen ist übervoll - natürlich, was habe ich denn erwartet, und ich erkenne, was meine Stimmung weit unter jeden vorstellbaren Nullpunkt drücken würde, wenn ich nicht schon erheblich tiefer gesunken wäre - ich sehe, daß ich hier weder schlafen kann, noch mein fein belegtes Brot essen und keinen Kaffee aus meiner silbernen Thermoskanne dazu trinken werde. Nun scheint irgendein Zug ausgefallen zu sein, das paßt auch, und daher müssen sich einige Leute im Gang festhalten, ich sehe aber nur Frauen stehen. Das kann ich nicht aushalten und biete meinen Platz der nächsten Dame an. Die schlägt mein Angebot aus, indem sie sich gelenkig auf den Boden setzt und mit amerikanischem Akzent sagt, sehen Sie, das geht sehr gut. Ich widerspreche, sie bleibt aber sitzen, na schön, dann lasse ich mich auch vorsichtig nieder und bin wenigstens den dreisten, verständnislosen Blicken der fett auf ihren Plätzen brütenden Schlichtreisenden nicht mehr stehend ausgesetzt. Meine Amifrau fängt in dieser Stellung unbefangen ein Gespräch an. Leider ist sie schon 50 und nicht so schön, wie man es, in vielen Fernsehserien geschult, von US-Frauen erwarten darf, doch nach kurzer Zeit vergleichen wir unsere Meinungen über die derzeitigen amerikanischen Autoren. Für etliche Kilometer bin ich daher der drängenden Umgebung entrückt und merke nicht, und als ich es merke, unternehme ich zu meiner Schande nichts mehr, daß noch weitere drei Frauen stehen müssen, vielleicht von Hannover bis Frankfurt? Jetzt wechseln wir aber ab, sage ich zur Lady aus Manhattan und stehe wieder auf. Aber sie weiß es besser, das sei vorbei, after all, diese courtesy, die ich für nötig halte, das gehöre zur Emanzipation in solchen Situationen. „Wenn Sie nach hinten gehen, durch zwei oder drei Wagen,“ rate ich ihr, „gibt es sicher noch Platz.“ „Nein, da sind immer die Raucher,“ sagt sie. Bestimmt hat sie vor zwei Jahren selbst noch dreißig Lucky Strikes am Tag in schönem Virginiarauch aufgehen lassen; mir macht ein solches Diktum die restliche halbe Stunde meiner abwegigen Stellung leichter. Aber nun werde ich einer anderen Peinlichkeit inne: Ich sitze genau in der Mitte des zweigeteilten Wagens, die Hälfte der Sitze ist nach hinten, der andere Teil nach vorn gerichtet, und ich muß der halben Besatzung dieses Transports in die Gesichter, wenn man sie so nennen will, auf die dicken Oberkörper, ja auf die Beine gucken, wenn ich den Blick vom kitschigen Art Deco-Design des Wagens wende. Alle diese Eindrücke hemmen das heitere Gedankenspiel, in dem ich auf Reisen gern verweile.

Die Kinder und die Jugendlichen, wenn sie überhaupt sein müssen und außerdem noch verreisen sollen, gehören eigentlich in eine noch andere Wagenklasse, eine mit Käfigen vielleicht. Und muß es eigentlich sein wie zwischen Freiburg und Baden-Baden in meinem Wagen: Ein Mädchen von zwölf Jahren sieht einem Jungen aus ihrer Gruppe spöttisch zu, der versucht, einen Überschlag an der Stange der Gepäckablage zu machen, und beide führen, nach ihren Mienen zu urteilen, ein harmloses Gespräch, von dem ich nur dieses Bruchstück in Erinnerung habe: „Puh!“, sagt sie abfällig. „Ich schiebe dir unten was rein,“ sagt er, und mit ihrer Mahnung: „Verlier deine Eier nicht!“ schließt dieser alltägliche Wortwechsel.


Wer sich auf einen Platz plumpsen läßt, wünscht nicht Guten Tag, und hat recht damit, denn in dieser unteren Eisenbahnwelt kann kein Tag gut werden. Außer meiner Amerikanerin sage auch ich niemand Auf Wiedersehen, und ich bin beinahe ehrlich, denn ich reise nicht mehr.


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Hotel Marbella KG

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