Literatur / Literature

Schwitters
Eines Lebens Elegie
Szenen aus dem 1. und 2. Akt

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SCHWITTERS
Eines Lebens Elegie


Oper in 2 Akten und einem Intermezzo
von Asmus Petersen

Musik: Konrad Haas


Personen:

Kurt Schwitters---------------------------Bariton
Helma Schwitters, seine Frau-------Alt
Ernst Schwitters, sein Sohn-----------Altus
Wantee, seine Freundin--------------Sopran

Chor der tumben Kunstfreunde
Chor der SA-Männer
Chor der zündelnden Kinder
Chor der bösen Söhne
Chor der toten Ehefrauen
Chor der Londoner Geliebten

Die Chöre: immer die gleichen 12 Sängerinnen und Sänger,
gleich gekleidet, für den Auftritt in jeweils anderen Kostümen

1. Akt: Hannover
Intermezzo: Norwegen
2. Akt: England


1. Akt: Hannover
Vor dem Merzbau

SCHWITTERS
HELMA
CHOR DER TUMBEN KUNSTFREUNDE
CHOR DER SA

(In Schwitters Wohnung Waldhausenstraße. Die Kunstfreunde bewegen sich
auffällig bewundernd vor dem Merzbau. Helma an wechselnden Stellen. Helmas
Stimme aggressiv und traurig zugleich über dem Chor)


CHOR DER TUMBEN KUNSTFREUNDE:
Groß und schön und wunderbar –
Doch was soll es nur bedeuten?

HELMA:
Das Ding, dies Ding, die Luft, die schnürt’s
mir ab, die Luft, die Freude und die Lust!
Die Lust schon lange, ach was war
Das noch -

CHOR DER TUMBEN KUNSTFREUNDE:
So groß und so geheimnisvoll -

HELMA:
Mir steht’s im Weg, ihr Idioten!
[...]

(Schwitters hat währenddessen am Merzbau gearbeitet,
Leimtopf und Pinsel in der Hand)

SCHWITTERS:
Sehr nett von euch, sehr nett von euch, aber
Keine Ahnung habt ihr, Gedanken sind es, die
Man hier sieht, wenn man sehen kann, wenn
Man sehen kann, wer kann schon sehen
Dass es ein Bau wird, eine Plastik, ein

Denkmal auch mit Holz, mit Leim, mit
Farbe, und viele Sachen eingebaut, die
Man nicht sieht, ihr seht nur was ich
Treibe, ich treibe’s aber nicht, obwohl
Auch die Erotik nicht vergessen wird, wie
Könnte sie vergessen sein, das große E
Das große Elend, ja der Merzbau heißt
KdeE und Schluss damit, zu Deutsch
Die Kathedrale

HELMA:
des erotischen Elends, das klingt
mir fremd, aber wieso denn
wieso denn deines Elends, und was
ist mit mir? Drum Schluss damit

SCHWITTERS:
Des erotischen Elends, so
heißt sie oder er, mein Bau,
die Kunst, wer mich als Künstler
sehen will, der komme her ins
Atelier, nur hier –

HELMA:
Komm zu dir, Kurt
[...]

SCHWITTERS:
Helma, höre doch –

HELMA:
Liebst du mich oder diesen Bau?

SCHWITTERS:
Ja Helma, ja, dich und meine Kunst!

(12 uniformierte SA-Männer dringen ein)

CHOR DER SA-Männer:
Heil Hitler! Kunstmaler Schwitters, sind
Sie das?

SCHWITTERS:
Fumms bö wä tää zää Uu
Pögiff Kwii Ee

CHOR DER SA-Männer:
Reden Sie Deutsch! Deutsch ist die Saar!
Ein Lied!
Singend wollen wir marschieren
In die neue Zeit.
Adolf Hitler soll uns führen
Wir sind stets bereit!

SCHWITTERS:
Fumms bö wä tää zää Uu
Ziiuu ennze, ziiuu rinnzkrrmüü

CHOR DER SA-Männer:
Jüdisch ist das, und entartet sind Sie!
Ein Lied!
Ein junges Volk steht auf
Zum Sturm bereit
Haut die Schranken doch zusammen,
Kameraden!

SCHWITTERS:
Rakete bee bee?

(SA-Männer zerstören den Merzbau)

CHOR DER SA-Männer:
Schluss jetzt! SA-Männer, ran an das Ding
Haut die Bretter doch zusammen, Kameraden!

HELMA:
Liebster, sieh! Dein Werk, das große
Eben noch war’s mir im Weg –

(versucht die SA-Männer am Zerschlagen zu hindern, wird zurückgestoßen)

Hören Sie auf! Lassen Sie los!
Das ist ein Kunstwerk –

CHOR DER SA-MÄNNER:
Ein Lied!
Vor uns marschieren
Mit sturmzerfetzten Fahnen
Die toten Helden der jungen Nation
Und über uns die Heldenahnen
Deutschland, Vaterland, wir kommen schon (ab)

SCHWITTERS:
Helma, höre doch –

HELMA:
Liebst du mich oder diesen Bau?

SCHWITTERS:
Ja Helma, ja, dich und meine Kunst!

(12 uniformierte SA-Männer dringen ein)

CHOR DER SA-Männer:
Heil Hitler! Kunstmaler Schwitters, sind
Sie das?

SCHWITTERS:
Fumms bö wä tää zää Uu
Pögiff Kwii Ee

CHOR DER SA-Männer:
Reden Sie Deutsch! Deutsch ist die Saar!
Ein Lied!
Singend wollen wir marschieren
In die neue Zeit.
Adolf Hitler soll uns führen
Wir sind stets bereit!

SCHWITTERS:
Fumms bö wä tää zää Uu
Ziiuu ennze, ziiuu rinnzkrrmüü

CHOR DER SA-Männer:
Jüdisch ist das, und entartet sind Sie!
Ein Lied!
Ein junges Volk steht auf
Zum Sturm bereit
Haut die Schranken doch zusammen,
Kameraden!

SCHWITTERS:
Rakete bee bee?

(SA-Männer zerstören den Merzbau)

CHOR DER SA-Männer:
Schluss jetzt! SA-Männer, ran an das Ding
Haut die Bretter doch zusammen, Kameraden!

HELMA:
Liebster, sieh! Dein Werk, das große
Eben noch war’s mir im Weg –

(versucht die SA-Männer am Zerschlagen zu hindern, wird zurückgestoßen)

Hören Sie auf! Lassen Sie los!
Das ist ein Kunstwerk –

CHOR DER SA-MÄNNER:
Ein Lied!
Vor uns marschieren
Mit sturmzerfetzten Fahnen
Die toten Helden der jungen Nation
Und über uns die Heldenahnen
Deutschland, Vaterland, wir kommen schon (ab)
[...]

2. Akt: England

London



SCHWITTERS
ERNST
WANTEE
HELMA
CHÖRE DER BÖSEN SÖHNE, DER LONDONER GELIEBTEN,
DER TOTEN EHEFRAUEN

(Schwitters ärmlich, nach Haltung ringend, auf dem Fußweg, die Füße in der Gosse)

SCHWITTERS:
So weit habe ich es nun gebracht
Hunger und nur diesen Anzug hier
Niemand gibt mir Geld für ein Porträt

CHOR DER BÖSEN SÖHNE:
Dabei kann er ganz gut malen,
der Alte, Porträts besonders, aber
Kollagen, die sind Mist und kauft
Kein Schwein und wir verstehn sie nicht

SCHWITTERS:
Ich kenne niemand, und keiner kennt
Mich hier, ich, einer der Avantgarde
International schon anerkannt, die
Direktoren aber lassen mich nicht vor,
In keinem der Museen, in keiner
Galerie empfangen sie mich noch, ach
Meine Zeit , die ist vorbei

CHOR DER BÖSEN SÖHNE:
Ja, seine Zeit, die ist vorbei das müßte
Er nur mal begreifen, aus und vorbei
Wir wissen das, wir sagen’s nicht
Ist letztlich auch nicht Sohnes Pflicht
er könnte aber viel Geld verdienen
wenn er nur geschickter wär
[...]

CHOR DER LONDONER GELIEBTEN:
Schwitters, Kurt, du Künstler du, so soll’s
Nicht weiter gehen, wir helfen dir, ich
Heb dich auf, ich weiß, ich liebe
dich, ich kenn dich nicht, ich
werde dich von nun an lieben

SCHWITTERS:
Das wünsch ich mir, I want it please,
ihr seid Gewünschte – ja, die Wantees
please, ein Leben lang zusammen sein
das wünsch ich mir, ein Leben oder was
noch davon da ist

(Schwitters liegt nicht mehr am Rinnstein, bleibt jetzt im Zentrum, wo eine Leinwand steht, an der er besessen malt)

CHOR DER LONDONER GELIEBTEN:
Verschwindet jetzt, ihr Söhne
Einer dummer als der andre
Große Väter – kleine Söhne!
Des großen Vaters Zwerge alle
Die böse Absicht seh ich Euren
Gesichtern an wie ihr da feixt
[...]

SCHWITTERS:
Helma, Helma! Dein Erscheinen –
Wie bist du, wie seid ihr alle denn
Und zwölffach gleich –
Dass ihr hier aufscheint aus dem
Jenseits, das hätte nicht mal ich
Mir ausgedacht, nun sprecht doch,
sagt: wie geht es euch, wie ging
es euch als ihr lebendig wart
Ich habe nichts von euch gehört

CHOR DER LONDONER GELIEBTEN:
Um Himmels willen! Denn von dort her
kommt ihr ja, ihr toten Weiber, werdet
Uns, ihr werdet uns den Mann nicht
Stehlen, wir helfen ihm, wir lieben
Ihn, kein Platz ist hier für euch und
Ihr seid tot

CHOR DER TOTEN EHEFRAUEN:
Glaubt nicht dass Tote ruhig sind wie
Nach dem Klimax in der Liebe, wir
Ruhen nicht. Zur Sache jetzt. Warum zum
Teufel habt ihr uns den Mann geraubt, die
Ehefrauen waren schließlich wir.

CHOR DER LONDONER GELIEBTEN:
Ihr wart schon tot, Herrgott, ihr seid
am Krebs gestorben. Lasst uns nun
ehrlich sein: Wir konnten das nicht
wissen, Krieg war und keine Post von
da nach hier und keine Post von hier
nach da, von uns zu euch, von euch
zu uns, was soll der Vorwurf, Ehefrauen?
[...]




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