Literatur / Literature

Das Urteil der thrakischen Magd
aus: Der laufende Schwachsinn
Kursbuch Heft 145, September 2001, Rowohlt Berlin

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Das Urteil der thrakischen Magd –
oder die Dummheit der Studierten


„Großpapa, wissen die Dummen, daß sie dumm sind?“
Sophie Charlotte, 5






Frauen müssen schön sein

Hier sehen wir es wieder, denn das wäre Thales von Milet, dem griechi-schen Großkaufmann und Philosophen, Schlitzohr und Risikodenker, be-stimmt nicht passiert: Beim Spazierengehen in die Luft gucken und in ei-nen Brunnen fallen - nie wäre ihm das unterlaufen, wenn eben die Magd am Brunnen, die dort träge herumstand, jung und hübsch gewesen wäre, mit sparsam lasziven Bewegungen schöpfend, leicht bekleidet möglichst noch, wie die meisten jungen alten Griechen. Daher muß die Magd eine unauffällige Frau gewesen sein, leider, nehmen wir es fürs erste einmal an; nicht also eine Nymphe, bebend, o! ihr Antlitz im weichen, schmel-zenden undsoweiter Licht des Mondes schimmernd - Aber sie bleibt inte-ressant genug, die Magd und unsere Geschichte um den Brunnen.



Die Story. Von Versionen und Variationen
zum Menschenklonen

Nüchtern erzählt schritt Thales, Naturforscher und Freund der Weisheit von Beruf, in Richtung Wasserreservoir fürbaß. Und daselbst nahm er die Werktätige gar nicht wahr, weil er den gedankenschweren Blick zum blauen Firmament gerichtet hatte.
[...]

So achtete er des Weges nicht und fiel – oder stürzte dumpf mit Ausruf (ehoi!) und Fluch (fucking!) in den Brunnen, alle Viere nach oben ge-streckt. Darüber lachte die Magd aus Thrakien von Herzen. - So ist es dutzendfach nachzulesen. Aber stimmt es? Maßte sich hier eine Küchen-hilfe wirklich mit ihrem Gelächter ein Urteil über Verhalten und Lebensfüh-rung des Höhergestellten an?
[...]

Es kann auch anders gewesen sein Und es ist eher unwahrscheinlich, daß ausgerechnet Thales von Milet, in dessen griechischer Brust die zwei Seelen des genialen Philosophen und des ausgebufften Geschäftsman-nes ihre symbiotische Heimstatt hatten, als weltfremder Wissenschaftler auftritt und sich auslachen läßt. So ist die Geschichte zu einfach. – Von der Magd weiß man natürlich erst recht nichts, außer daß sie eben aus Thrakien stammte, damals ein großes Land, na schön, doch was war nun eigentlich, was kann gewesen sein mit den beiden Protagonisten der Fa-bel? Denken wir ein wenig um den feinen Herrn und das schöne Kind herum (wir beschließen also, weil es mehr Spaß macht, daß die Magd schön war). - Zunächst einmal wird das unbeabsichtigte Stelldichein, zu-erst von Plato berichtet – aber darum muß es nicht platonisch zugegan-gen sein – das sich in der Erinnerung ziemlich genau 2480 Jahre erhalten hat, kaum erfunden sein. Selbst wenn es so wäre, wenn Sokrates sich die Episode zur Belehrung seiner Schüler ausgedacht hätte, traf er ins Schwarze, und die Begegnung konnte bis heute nachdenkliche Dienste leisten. Jeder schien aufgerufen, sich über die Blödheit von Wissen-schaftlern zu mokieren, denen die Lebensnähe fehlt, und sich über das natürlich so natürliche Lachen einer jungen Griechin im knappen Gewand zu amüsieren und zu erregen.
[...]

War Thales vielleicht mit der Absicht in den Brunnen abgestiegen, von unten her im eingeschränkten Ausschnitt des Firmaments die Gestirne, nur wenige, von anderen geschieden, um so genauer beobachten zu können? Hat der Forscher an diesem Abend das Sternbild des Kleinen Bären, wie es überliefert ist, für die Verwertbarkeit von Berechnungen der nautischen Navigation im Auge gehabt? Als erfahrener Schiffsreisender, als Bewohner der ägäischen Küsten? Lauter Fragen. Die Magd, durch Sokrates unsterblich geworden, „artig und witzig“ („Sind Sie freiwillig da unten drin?“), mag dem naß gewordenen Forscher von Zeit zu Zeit mit frischen Feigen aufgewartet haben, die sie hinunterließ.

Aber die Sprache! Da sie nun stets als thrakische Frau bezeichnet wird, müßte sie Thrakisch gesprochen haben und vielleicht noch eine Art Pid-gin-Griechisch. Thales wird es nicht gestört haben. Noch einen Schritt weiter spekuliert, hoffte sie, ihn, war er nur dem kühlen Grund entstiegen, erstmals oder abermals an ihren warmen Busen zu drücken. In dieser erfreulichen Version der Anekdote kannte man und traf sich verhalten lüs-tern zur Förderung der Astronomie wie zum Austausch anderer Gefällig-keiten („Kind, du bist wirklich ein Naturtalent!“ „Aber schenkst du mir wie-der was? Wann kommst du morgen?“). -Ebenso freundlich wäre die Vari-ante, daß sich nicht die Frau zuerst am Brunnen zu schaffen machte, sondern der Mann die nächtliche Initiative ergriff und sich – nicht zu tief - in den Born niedergleiten ließ, um sich vom knackigen Kind des Volkes für eine erste Begegnung retten zu lassen. Wenn das so war, wußte er, daß das Mädel um diese Zeit abends stets zum Wasserschöpfen kam. Diese Version überrascht und besticht, weil hier niemand zu Schaden kommt und reale Planung (er lauert ihr auf) mit Verlangen (er wird sich an ihr berauschen) in einer Person aufeinander treffen, die Magd wird zwar noch gebraucht (eben!), aber ihr jeden Denker verletzendes Urteil kann entfallen. - Ertrinken konnte ein Erwachsener im Brunnen ohnehin schwerlich.
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Wie schön ist es etwa, daß Kinder nun mehr als zwei Eltern haben, vor-erst nur drei, aber bei dem zunehmenden Tempo der Ergebnisse sicher bald mehr, viele, so viele wie ein ganzes Fußballstadion voller Kerle kann eine einzige und zugleich vielfältige Elternstelle einnehmen, wenn man es im Labor richtig anstellt.
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Wen sehen wir dann als Erzeuger? Mann und Frau, die klassischen Eltern? Na, na.
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Nur noch ein bißchen weitergedacht – wieso denn nicht? – fischt man das fertige Baby nicht erst nach langweiligen neun Monaten, das paßt nicht mehr, aus dem Aquarium. Nach erheblich beschleunigter Entwicklung also überreicht man das fertiggestellte Erzeugnis Kind der freudigen ichsagmal Mutter.

An dieser Stelle, Freunde der konservativen Liebesbegegnung, können wir nur noch fromm werden, beten müßten wir, wenn wir noch wüßten, wie das ginge. Wer’s kann, wird sich ohnehin schon angesichts der bisherigen bio-, embryonal- und transplantationsmedizinischen Erkenntnisse in ein Trappistenkloster zurückgezogen haben, um hinfort nur noch zu schweigen. Fromm werden wir sein, Freundinnen, und unsere Erzeugungs-Erinnerungen bestaunen und beweinen, die vielfältigen (natürlich waren es zu viele und dies ist die Strafe).
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