Literatur / Literature

Großer Garten Herrenhausen
Leseprobe

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Großer Garten Herrenhausen

1700 bis 1714 angelegt. Als Gestalterin gilt auch die Kurfürstin Sophie, die aus ihrer Jugend in Holland stilistische Anregungen übernahm, besonders die auffälligen großen Wassergräben, Grachten ähnlich, die den Garten umgeben. Klassischer französischer Typ des großen barocken Residenzgartens. Legendäre Spaziergänge der Kurfürstin mit Leibniz, der in Hannover lebte und arbeitete. Gartenkultur und künstlerischer Rang auf höchstem Niveau. Weite, Reichtum, disziplinierte Form.
Luxoriöses Erleben.

Sofort hinter der Haltestelle in Herrenhausen fängt der Hochgenuss schon an - und er dauert sage und schreibe zwanzig Minuten – er bahnt sich an mit dem Blick in die Konterallee und die Große Allee: Ein kilo¬meterlanger Durchblick - wann hat man den schon? Ja, man braucht nur am Morgen hinten aus der Straßenbahn auszusteigen und fünfzig Meter zu wandern. Geht man aber, wenn die Bahn weggefahren ist, gerade auf die Mauer zu und durch den vorderen schmalen Eingang im Flügel des Gittertores, sieht man hinein in wiederum eine endlos lange Lindenallee in den Französischen, den Großen Garten, an dessen Ende einer der beiden Pavillons zu sehen und schön ist.

Soll ich gleich hier hineingehen?
[...]

Ach, gehen - solch ein gewöhnliches Wort, schreiten wird der Hochgemute hier, und das tut er und belächelt seinen gerade erst verlassenen häuslichen Umkreis, seine immer zu kurzen Alltagsaspekte und – welche Gelegenheit!- misst an den Proportionen dieser Hecken und Alleen seine Vorhaben und Vorhaltungen. Sie korrigieren sich wie von selbst. Täglich zwischen neun und zehn wird mir dieses Geschenk zuteil. Der Idee des Gartens angemessen leben kann ich natürlich nicht, so ist es vielleicht auch nicht gedacht, abheben und schweben: es ist wohl eine Idee, die dieser grünen Kunst zugrunde liegt, also wäre das Ganze philosophisch eigentlich vorstellungslos, eben etwas Gedachtes, dem man sich aber im Barock annähern wollte.

So hoch hinaus kann ich, dem Atelier zustrebend, am Morgen nicht wollen.
[...]

Beeindruckender finde ich, wenn ich der Brücke nahe bin, einen schrägen Prospekt, eine der diagonalen Perspektiven, die im Herbst zu meiner Verwirrung mit Blumen von Schwefelgelb bis Distelviolett bepflanzt sind wie in Gottfried Benns Prosa –

„und dann die endenden Sommer mit dem Violett der Distel
und der schwefelgelben, der heißen süßen Rose Diane vancue –
so verkünden sich und so vergehen die Jahre“ –

dann wieder sind sie plötzlich gewechselt, Tausende von ihnen, in fahle Schattierungen, die man noch nie gesehen hat, und heimlich, wenn der Garten bei Dunkelheit geschlossen ist, zeigen sich vielleicht lüsterne Nachtschattentöne.
[...]

Ich bin fast immer allein auf meinem Durchgang, der, zügig begonnen, bald das gewohnte Hastige verliert, das abwehrend Eilige, mit dem der Verstand wohl die Überfülle, das Prasseln der Eindrücke in das Gemüt beschränken will. Aber die Seele lässt sich nicht betrügen. Meine Stimmung hebt sich, Heiterkeit begleitet mich, und ich bin sicher: das ist eine gewollte Wirkung der empfindsamen Vorfahren, herrischen, klugen, reichen Gartengründer. Heutige alte Leute, aber richtig alte bitte, zu denen ich mich selbstverständlich noch lange nicht zu zählen habe, gehen manchmal hier, die Hände auf dem Rücken nach so vielen unsinnigen Jahren, kopfschüttelnd auf und ab, während ich in die jetzt im Winter transparenten, dicht bewachsenen Partien hinter den Hecken gucke und ganz ohne Veranlassung überlege, ob man sich da wohl ungestört küssen kann. Und das ist kein ganz abartiger Gedanke, wie mir ein sympathisches Wesen an Ort und Stelle erklärte. Tatsächlich seien die dicht bewachsenen, dem Schloss geradlinig am weitesten abgelegenen Bereiche der Gärten, so sprach die im Gartenfach Hochstudierte, diese geplanten Heimlichkeiten seien stets für die Divertissements der höfischen Kavaliere mit ihren edlen Damen vorgesehen gewesen, wo man sich nach großen Festen unter Dunkel und Gebüsch im lockerem Beisammensein haschen und finden konnte.
[...]

Gattung /

Essay

Verlag /

Erscheinungsjahr / Year of

Status /