Literatur / Literature

Die schöne Jolanta
Multikulturelles an der Haustür


Leseprobe

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Nun hat uns Frau Meyer, Kasachstanin, Raumpflegerin von Geblüt, verlassen. Ich nehme an, sie ist - Aussiedler sind nicht aufzuhalten - Staatssekretärin geworden. Vor ihrem Ausscheiden empfahl sie uns ihre Cousine Jolanta zur Hilfe beim Putzen. Eine Putzhilfe wäre dieses Kind also, die Jolanta, aber eine solche Berufsbezeichnung hört sich unter uns dem Deutschtum Verpflichteten zu hierarchisch an. Vielleicht sollte man dann Hilfsputze sagen? Das paßt wieder nicht zu einem gestandenen Tundrageschöpf. Frau Jolanta Brandes ist neunzehn, weshalb ich mir manchmal die vereinfachte Anrede „Jolanta“ herausnehme, „Fräulein Jolanta“ wäre wohl richtiger, ist aber nicht mehr recht zeitgemäß. Sie versteht ihren Namen gut, sie mag sich ja auch gestrüppmäßig in der Taiga auskennen, aber sie weiß nicht, wie sie - und das will ich ja eigentlich erzählen - unsere Haustür von außen aufschließen muß, ohne daß die Polizei kommt. Selbstverständlich haben wir ihr einen Schlüssel behändigt - wir sind ja Deutsche allzumal. Ebenfalls sind wir, stets dem Zeitgeist offen, Besitzer einer Alarmanlage, die über das Telefon automatisch Truppen anfordert, sobald Räuber und Mörder ins Haus dringen. Mit dem Morden haben wir noch wenig Erfahrung, was es aber bei uns zu stehlen gibt, würde ich nicht stehlen, wenn ich bei mir einbräche, wenn ich nicht zuhause wäre.

Verlag /

Verlag Hotel Marbella KG

Erscheinungsjahr / Year of

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