Literatur / Literature

Was wir so glauben

aus: Glauben
Kursbuch-Heft 93, Kursbuchverlag GmbH/Rotbuch Verlag GmbH, 1988

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Was wir so glauben

1. "Deutschland, heiliges Wort -" .
2. Die 68er nun wieder
3. Des Lieben Gottes Prozentanteile
4. Alles eine Soße
5. Lasset uns beten
6. Daß wir Gottes ledig werden


"DEUTSCHLAND, HEILIGES WORT -"


Am schönsten war es, als wir noch an solche Lieder glaubten:
„Deutschland, heiliges Wort,
du von Unendlichkeit,
ueber die Zeiten fort,
seist du gebenedeit.“
Und ist es nicht auch fein - gebt es zu, liebe NS- Kinder, - daß die Erinnerung daran unser ganzes Leben begleitet hat? Was haben wir nicht alles zu erzählen! Die Welt war in Ordnung, bitteschön, so bis Herbst 1939 jedenfalls. Wir wußten jederzeit, was Sache war, konnten uns mindestens zweimal in der Woche die Nationalhymne runterholen und Uniform anziehen. Super. Okay, wenn es mulmig wurde, wenn einer tatsächlich mal was Merkwürdiges hörte, konnte er ja weggucken oder, was sehr beliebt war, rufen: Wenn das der Führer wüßte! Ach, keiner der vielen Glauben, mit denen wir es nach 1945 probierten, konnte es mit den Gewißheiten unserer Jugend auf¬nehmen. So ist es mit der ersten Liebe.
[...]

DIE 68er NUN WIEDER


Wer einen 68er nach seinen einstigen Glaubensinhalten befragt, wer überhaupt einen 68er Veteranen irgendetwas fragt, hat selbst schuld. Nach wenigen Worten bereits steht er verunsichert da und besieht sich erstaunt den Schwarzen Peter, den er in der Hand hält.

Primitiv und sentimental, wie wir Ex-Pimpfe und -BDM-Mädels nun ein- für allemal sind, möchten wir doch von den wilden Jahren der Studentenrevolution einfach ab und zu wieder einen Schauer spüren. Also schnappen wir uns ein 68er Exemplar.

"Das kommt nicht in Frage! Ich begreife nicht, wie man sich auf so ein Thema einlassen kann - Glauben!" belehrt mich sogleich Wolfgang, der Ehemalige meiner Tochter, hängengeblieben an mir. "Mit mir bitte keinen neuen Aufguß tausendmal ausgelutschter Auseinandersetzung marxistischer Dogmatismen. Auch nicht mit christlichen oder faschistischen." Und? Ich dachte, antippen an die alte Gläubigkeit dürfte ich doch bei diesem Herrn im italienischen Anzug.
[...]

DES LIEBEN GOTTES PROZENTANTEILE


Alles und nichts wird geglaubt, aber wer glaubt was? Wäre ich Jesus, nähme ich folgende Einteilung vor: 90 % der Bundesbürger glauben nichts, 10 % sind gläubig.

Ein winziger Teil der 90 % durchdenkt gelegentlich, wenn auch nur im Vollrausch, seine geistige Situation. Die unkritische Masse der 90 % Nichtsglauber glaubt natürlich auch, daß sie an etwas glaubt, weil man doch evangelisch oder katholisch ist, mindestens zu Weihnachten gerührt, vielleicht gar getauft, gefirmt, konfirmiert, erleuchtet.
[...]

"Mein Großvater als Pfarrer," höre ich von Rosemarie, "hatte große Glaubenszweifel, ganz eigenartig. So um 1947 hat man doch diese Tempelrollen der Essener gefunden, und mir ist das eine ganz tiefe Kindheitserinnerung, daß mein Großvater zutiefst erschüttert war, weil nämlich aus diesen Schriftrollen hervorzugehen schien, daß Christus nicht auferstanden ist."
"Der Kern der Story!"
"Ja, ihn hat das in absolute Verzweiflung gestürzt. Ich weiß nicht, wie er am Ende damit zurechtgekommen ist, ich war auch viel zu jung damals -"
[...]

Setzen sich nun die zehn Prozent, die wir als Gläubige gekennzeichnet haben, überwiegend aus Ungläubigen zusammen?

"Ich muß dir sagen," verrät mir Karin, Fachbereichsleiterin auf der St. Ursulaschule, "und das darfst du auf keinen Fall schreiben, ich glaube an gar nichts. Pi-pi-fax."
"Oi!"
"Und ich sage dir noch was. Ich habe noch nie mit einem Menschen gesprochen, der glaubt!"
"Junge Geistliche? Ordensschwestern? Grüne Fundis?"
"Oder geschlafen. Da wird ja am meisten gequatscht."
"Du sagst es."
"Die Kinder - schön, die unteren Jahrgänge glauben vielleicht noch. Ansonsten ist die große Mode hier bei uns gerade der Satanskult, scharenweise laufen meine Schüler da hinterher. Dann die Gruftis, alles schwarz, auch geschminkt, mit Asche, die treffen sich nachts auf dem Friedhof und schlafen dafür in meinem Unterricht ein. Was die glauben, weiß ich nicht, es ist mir auch egal. Gotteslästereien kann ich übrigens nicht ertragen, das verbitte ich mir. Unbefleckte Empfängnis, Auferstehung - daran habe ich keine Zweifel, es ist eine wunderschöne Idee, das aus der normalen Banalität herauszuheben. Aber glauben ist was anderes."


ALLES EINE SOSSE

Wer einen einzigen Gläubigen fragt, hat alle. Es ist niederschmetternd. Nur übergroße Gewissenhaftigkeit oder Neugier auf eine schicke Interviewpartnerin mag den redlichen Sammler heutiger Glaubensaussagen dazu treiben, immer noch mehr Adepten anderer Facon nach dem zu fragen, was er schon zehnmal zum Verwechseln ähnlich gehört hat. Längst nimmt er die frappanten Widersprüchlichkeiten gelassen zur Kenntnis, die in jedem Glauben durch unverschämte theologische und sophistische Manipulationen kaschiert oder frech als Dogmen verkauft werden.
[...]

Wer glaubt, wird nicht nur selig, sondern hat`s auch gut. In mehrfacher Hinsicht: Der metaphysischen Nahrung, derer der Mensch bedürftig ist, wird er teilhaftig. Ist er jung, braucht er sich um seine Orientierung weiter nicht zu kümmern, und als Oldie, wenn Sex und Geld nicht mehr lustig sind, klingen die Glocken süßer als vorher.
[...]

Daher haben es auch die Glaubensgründer aller Art umso leichter, je dümmer ihre Jünger sind. Wir nehmen das nachsichtig im Neuen Testament zur Kenntnis, wo wir freundlichen Tagedieben begegnen, Burschen, die das Pulver nicht erfunden hatten und auch, gesetzt die Zeit wäre dafür reif gewesen, bestimmt nicht erfunden hätten, selbst wenn sie einer ordentlichen Beschäftigung nachgegangen wären, anstatt jahrelang als Jesus-Groupies herumzuhängen. Überhaupt, im Hinblick auf Intelligenz hat sich das Glaubensvolk bis zur Gegenwart nicht wesentlich weiterentwickelt, und was kritische Distanz angeht, ist sie mit Glauben ohnehin nicht vereinbar und natürlich auch nicht erwünscht.
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LASSET UNS BETEN

Beten, wenn man`s gelernt hat, ist schön und gut. Schön, solange man sich an die erprobten Texte hält, die Litaneien, die Psalmen. Und gut ist Beten, weil es Luft gibt. Leider stoßen wir aber überwiegend auf pastorale Betprofis; während dem Zuhörer langsam übel wird, versetzt ihn gleichzeitig die Leichtigkeit in Erstaunen, mit der diesen Menschen ein Gebet von der Hand geht. Der Verdacht, daß dabei Gleichgültigkeit im Spiele ist, bringt uns in Rage. Jede öffentliche politische Bekundung, das wissen wir, ist hinterhältig und karikiert die Wahrheit auf obszöne Weise. Für Gebete darf das nicht gelten.
[...]

Solche Diagnose darf sich erlauben, wer selbst ein alter Beter ist und gesehen hat, wie Mönche zur Komplet in den Chor ihrer Kirche einziehen, etwa in Maria Laach. Gesichter, Haltung und Gang beweisen, was immer behauptet wird, was man aber nie glauben will: daß dieser kleine Zug stellvertretend - das könnte man immerhin einräumen - aber auch wirksam für andere mitbetet. Schlimmer noch, während der zwei Minuten, in denen die Patres vom Kreuzgang zum Chorgestühl gelangen, teilt sich dem erschrockenen Besucher so viel Würde mit, daß er verwirrt zustimmt, wenn Gläubige später vermuten, er habe einen Abglanz der Erhabenheit verspürt, mit der sich die Gottheit umgibt.
[...]

ISABEL: Beten? Nein danke. In der Schule hab ich sofort nach der Konfirmation Religion abgewählt. Ein Laberfach. Und dann auch wegen meiner Großmutter hab ich`s abgeschafft.

FRAGE: Ist das die fromme, die bei Tisch so schön laut beten kann?

ISABEL: Ich gucke dann auf den Teppich. Vorgestern war ich bei einer Freundin. Die Eltern machen das auch. Die sagen noch nichtmal laut ein Gebet, die gucken nur still, falten die Hände, und irgendwann wissen sie alle, wann sie fertig sind. Ich guck meine Fingernägel an. Wenn der erste sich dann räuspert, guck ich wieder nach oben. Die Gesichter in dem Augenblick kannste schwer aushalten.
[...]


DASS WIR GOTTES LEDIG WERDEN

PHILOSOPH: Echter Glaube ist immer selten gewesen. Im 10. Jahrhundert war man eben ein gläubiger Christ, so wie man heute religiös indifferent oder Atheist ist.

ZUHÖRER: Normalerweise geht der Glaube langsam flöten, en passant, ohne daß man's richtig merkt. Wütend oder eiskalt dagegen melden sich Frauen beim Staat und bei Jesus ab, wenn ein Kardinal das Thema Abtreibungen mal wieder besonders praxisnah erläutert hat.

PHILOSOPH: Bei mir ging's also umgekehrt, einmal weiß ich, daß das, was ist, unsere Erkenntnisebene unendlich übersteigt. Und dann hat mich Meister Eckehard fasziniert, der hochspekulative Denker auf dem Lehrstuhl des Thomas von Aquin, bestens vertraut mit arabischen und griechischen Philosophen. Er benutzt Paradoxien, in denen fortwährend Gottesbilder zerschlagen werden. Also das radikale Gegenteil von dem, was heute so herumgeboten wird: Mystisches, Geheimnisumwittertes, Exotisches jedenfalls. Während Eckehard dir Sachen um die Ohren schlägt, an denen du zu knabbern hast: So wollen wir denn Gott bitten, heißt es in einer seiner Predigten, daß wir Gottes ledig werden.

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