Literatur / Literature

Wollt ihr den totalen Klick?

aus: Der gläserne Mensch,
Kursbuch-Heft 169, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Hamburg

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Wollt ihr den totalen Klick?

Gesund und munter

Als ich gänzlich nackt vor der Musterungskommision der Wehrmacht stand, wie Felix Krull - das war mir peinlich. Angesichts meiner schmalen Gestalt befand der Oberstabsarzt denn auch: „Na mein Junge, Sie wollen wir noch mal ein hal-bes Jahr zurückstellen.“ Das war Ende 1944 das Leben wert.

Angezogen dagegen, und dennoch gläsern zu sein, offen oder heimlich durch-leuchtet, als überall längst bekanntes Datensubjekt auf tausend Schirmen da-zustehen, das macht mir eigentlich wenig aus. Selbst dass meine Gedanken und Sehnsüchte, durch allerlei Strahlen oder die CT-Röhren durchleuchtet, demnächst lesbar sein sollen - Bilder aus dem Hirn kann man schon erkennen - das alles ist mir nicht so unangenehm. Und Angst vor dem Ausgehorcht- und Gepackt werden, die kann ich ja immer noch haben, wenn die Folterei wieder losgeht. Abwarten. Hoffentlich einigen sich die Juristen, ob man darf oder vielleicht doch nicht sollte oder wenigstens nicht so schlimm, oder sie raten erstmal ab. Die Politik wird dann schon CIA-mäßig eine Lösung finden.

Lauter Arten von Gesundheit

Vorerst sind wir ja fast alle noch nicht gepiesackt und gesund. Und wie. Oder: Wie gesund? Und was ist das genau? Offenbar gibt es darüber, wer und was gesund ist, ganz klare Vorstellungen: Zunächst natürlich die ärztlichen. Die ge-raten zwar hier und da ein wenig ins Schleudern, überhaupt kommt einem mo-ralisch die medizinische Gesundheitsauffassung, wie sie vor allem bürokratischerseits vertreten und gefordert wird, moralisch schon lange nicht mehr ganz koscher vor. Was für mich gesund ist, sagt der schlichte Bürger, weiß ich immer noch am besten selbst und möchte mir das nicht erzählen las-sen.

Einerseits. Geht es dann aber ums Psychische, wo, auch das weiß man ja, al-les ziemlich schwammig ist und keine ordentliche Grenze zum Verrücktsein ge-zogen wird, was man erwarten darf, gibt es, wie alles bei uns, auch Gesundheit zu kaufen, schöne bunte Drogen, von den beliebten aufheiternden Mitteln bis zu denen, die für besondere Fälle maßgeschneidert sind. Ein Anti-Alzheimermittel, höre ich aus einer Münchner Klinik, kann erstaunliche Dienste leisten. Und so entwickelt sich ein fröhliches Gehirndoping, wenn ein Prüfungskandidat, der schon zum wiederholten Male gescheitert ist, - wenn dieser künftige Pianist oder Arzt vollgepumpt mit der dafür sicher nicht erfundenen Arznei und den Test besteht.


Lebensmittel

sind das also? Nichts anderes, Mittel zum möglichst munteren Weiterleben. Brauche ich so was? Schrappe ich bereits an Huxley entlang? Muss ich schon bangen, dass eine getarnte, geheime politische Macht mich füttert mit raffinier-tem Stoff, mich unmerklich zum braven Bürger formt, bis ich „weiter so“ sage? Ich bin mir nicht sicher: Wenn ich eine bunte Packung aus dem Supermarktre-gal nehme, gefrorene Garnelen aus dem sonnigen Bangladesch oder eine kosmetische Soße fürs Gesicht, die mich garantiert zwei Jahre jünger macht, richtige Schönheitsmedizin, weiß ich ja, dass dieses Zeugs voller Zeugs ist, von dem nur einiges auf dem verlogenen Etikett steht, geschönt in grüner Sprache - das wäre ja noch zu verkraften, aber: ist eventuell auch ein kleines Pülverchen drin, ein verbotenes? Das einleitend Stimmungsschwankungen ausgleicht, uns in der Langzeitwirkung aber verborgen eingebauten Zusätzen speisend bei Kö-nigsberger Klopsen oder pinkigem Käfiglachs zu etwas gewünschtem anderen werden lässt? Medikamente sind Nahrungszusatzmittel, wieso denn nicht? Alles im grauen Bereich. Antidepressiva gehören zum guten Essen.
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Nackig machen?

Beim Schwimmen, Sonnen, Lieben - immer. Doch jetzt, in der Kindheit des Menschen von morgen, werden wir ausgezogen und durchleuchtet, ohne es wahrzunehmen. Das macht wenig Freude, wenn man es hinterher merkt. Es ist gefährlich, doch nicht mehr aufzuhalten und nie rückgängig zu machen. Nur, was wird dabei aus uns? Verändern wir uns stark und ganz anders als von der Schöpfung vorgesehen, die doch für ewig gelten sollte? Wer sich nur einen Computer kauft, macht sich gläsern, also durchsichtig. Das ist man auch ohne jemals online gegangen zu sein, ohne zu wissen, was die zweite Welt ist - hat Jesus übrigens, der schlaue Hund, eigentlich nicht ganz anderes Virtuelles verhießen?
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Und es dauert auch nicht mehr lange, sagt meine erfahrene Datenkarin, bis nach einer Wahl herauskommt, wer wen und auch warum gewählt hat. Kann ich mir nicht vorstellen, sage ich. Sieht dir ähnlich, sagt sie wieder, so naiv darfst selbst du nicht sein. Wie so was genau geht, kann dir egal sein. Man kriegt alles raus. Datenmissbrauch ist modern und bereits eingebaut in deine Sachen.[...]Es fliegen Unmengen Daten und Informationen über dich in der Luft herum. Ich kann das nur andeuten. Ja, lass nur, sage ich, aber irgendeinen Schutz müsste es doch - richtig, gibt es, taugt nichts und hält nicht. Wieso denn, meine ich, wo ich doch alles auf CDs gespeichert und auf der Festplatte gelöscht habe - Ach du liebe Zeit, meine Ratgeberin blickt nach oben, wo sie wohl den Himmel vermutet: Löschen? Gibt’s auch nicht. Mir geht es aber eher um das dauerhafte Speichern, das Bewahren. Und das rutscht uns, sage ich dir, aus der Hand, wir schreiten wie Hans im Glück fürbass und freuen uns über jeden neuen, sicheren Datenträger, den wir gegen den bisherigen austauschen, nur dass sie alle immer weniger taugen.
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Und Google, unser aller Wundermaschine? Der Vorstandschef sprach in der Financial Times, und in der ZEIT war es nachzulesen, ein großes Wort gelassen aus: „Ziel ist, dass unsere Nutzer uns irgendwann die Frage stellen können, was sie morgen machen sollen oder was für einen Job sie annehmen sollen.“ Übersetzt heißt das, wir spielen Lieber Gott.

Gattung /

Essay

Verlag /

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